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Wie leiblich ist die Auferstehung?

Interview mit Paulus 

 

Seit Ihren Schreiben an die Korinther sind nunmehr fast zweitausend Jahre vergangen, und es fällt vielen von uns heute sehr schwer, gerade Ihre engagierte Argumentation zur „Auferstehung von den Toten“ (1. Korinther 15) nach­zuvollzie­hen.

 

Das wundert mich freilich nicht, da es zur Zeit der Abfassung meiner Briefe an die junge korinthische Gemeinde dort nicht anders war. Sosehr mir selbst als pharisäisch geprägtem Juden die Hoffnung auf die Auferste­hung der To­ten grundsätzlich auch schon vor meiner Berufung bei Damaskus vertraut war, so­wenig entsprach sie doch dem hellenistischen Geist einer griechi­schen Stadt wie Korinth oder Athen. Ja, selbst meine sadduzäisch orientier­ten jü­dischen Brüder teilten die Auferstehungshoffnung noch nicht, weil sie sie nicht schon in der ‚Tora‘ [den fünf Büchern Mose], sondern erst bei den Propheten und den Schriften ausdrücklich belegt fanden.

 

Um den Anstoß dieser – dann wohl schon immer – umstrittenen Hoffnung auf eine „leibliche Auferstehung“ zu umgehen, reden wir heute gerne da­von, dass die Verstorbenen in dem „Gedächtnis Gottes“ und in seinen Ge­danken weiterleben und insofern nicht ganz tot sind.

 

Damit beschreiben Sie gewiss die entscheidende Voraussetzung, aber noch nicht die Wirklichkeit der Auferstehung! Würde Gott der ‚Entschlafenen‘ nicht gedenken, dann blieben sie gewiss für immer tot! Wenn er sich aber als der Schöpfer des Lebens seiner verstorbenen Geschöpfe „erinnert“, wenn er in seiner Liebe „an sie denkt“, dann erschafft er sie auch neu und erweckt sie zum ewigen Leben. Denn er will, dass sie für immer vor ihm und mit ihm erfüllt leben können.

 

Ließe sich diese Form des Weiterlebens dann vielleicht auch mit einem un­vergänglichen Bestandteil des Menschen – z. B. seiner „unsterblichen Seele“ – oder mit einem „göttlichen Funken“ im Menschen erklären? Dann kehrte der göttliche Funken beim Ableben in das große göttliche Feuer, das ewige Licht zurück, oder das „Weiterleben“ wäre als Fortbe­stehen des Geistes, der Energie oder auch der Materie zu denken.

 

Gibt es solche Vorstellungen etwa heute immer noch? Damit wurde und wird dem Menschen einerseits zu viel zugeschrieben und andererseits viel zu we­nig zugesagt. Nein, wenn wir als Geschöpfe in der Geschichte Adams ster­ben, dann sind wir – was unsere eigenen Voraussetzungen an­belangt – ganz und gar ge­storben und tot. Ich kenne keine unvergängli­chen, göttlichen Anteile im natürlichen Menschen! Das Geheimnis der Auferstehung grün­det allein in Gottes Treue und in seiner Zusage, dass er seine Menschen der Ver­gäng­lichkeit und dem Vergessen nicht endgültig preisgeben will. Das „Göttli­che“ und die „Unvergänglichkeit“ sind also nicht in uns selbst be­gründet, sondern ausschließlich in Gott. 

 

Und warum sollen das Fortleben in Gottes Gedanken oder das Fortbeste­hen von Energie oder Geist ‚viel zu wenig‘ aussagen? 

 

Weil es unaufgebbar um eine „leibliche“ – d. h. persönliche, umfassende und wirkliche – Auferstehung geht. So wie Christus nicht bei den Toten blieb, sondern von Gott, seinem Vater, in ein neues, unvergängliches und herrliches Leben auferweckt wurde, so sollen auch die, die an Christus glauben, mit ihm zusammen ewig vor Gott leben. Auch zwischen Menschen macht es doch einen wesentlichen Unterschied, ob die Beziehung nur noch in der Er­innerung besteht oder in der lebendigen Gegenwart erfahren wird!

 

Es fällt uns aber schwer zu glauben, dass „Fleisch und Blut“ über das Ster­ben hinaus Bestand haben können. Wie sollen wir uns denn eine Aufer­ste­hung der längst verwesten Körper vorstellen?

 

Jetzt argumentieren Sie aber schon wie meine Skeptiker in Korinth! Weder bei mir noch bei irgendeinem anderen Apostel war doch je davon die Rede, dass der Mensch in seine alte, natürliche Existenz zurückkehren soll oder dass das ‚alte Fleisch‘ – mit all seiner Vergänglich­keit, seiner Unzuläng­lichkeit und seinem Leiden – wiederhergestellt wird. Es geht uns um die Auferstehung und Verwandlung aus dem alten Leib, nicht in den alten Leib! Die erste Schöpfung und damit unser erster Leib sind und bleiben als solche vergänglich! Bei der Auferstehung von den Toten handelt es sich vielmehr um Gottes Neuschöpfung, die er in der Auferweckung seines Sohnes bereits verwirklicht hat. Allerdings schafft Gott nicht völlig andere Geschöpfe – was ja theoretisch auch denkbar ge­wesen wäre –, sondern seine sterblichen, doch von ihm geliebten Geschöpfe als solche völlig neu und anders.

 

Aber warum reden Sie dann von einer „leiblichen“ Auferste­hung? Wäre ihr Anliegen nicht doch viel treffender und unmissverständlicher mit dem Ge­danken der Fortexis­tenz des „Geistes“ oder der „Seele“ erfasst?

 

Nun, ich spreche ja in der Tat vom „geistlichen“ Leib – im Unterschied zum natürlichen. Aber ich bezeichne hier mit „geistlich“/„pneumatisch“ nicht ei­nen unsterblichen Be­standteil im Menschen, sondern die Herkunft aus und die Wirkung durch Gottes Geist. Der unvergängliche, himmlische Leib ver­dankt sich ganz dem Geist und der Kraft Gottes. Er ist nicht mehr wie der erste, der irdische Leib durch die Vergänglichkeit und Schwachheit be­stimmt, sondern durch die Herrlichkeit und das himmlische Leben des aufer­standenen Christus.

Für uns als Judenchristen, die mit der Schrift groß geworden sind, ist ‚Leib­lichkeit‘ an sich nichts Negatives oder Minderwertiges. Wir wissen, dass wir als Menschen nicht nur äußerlich einen Leib haben, son­dern grundsätzlich Leib, d. h. „leibhaftig“ sind – oder gar nicht sind! Den „Leib“-Gedanken und das ganzheitliche Verständnis vom Menschen kann und will ich keineswegs aufgeben, weil sonst ein ganz entscheidender As­pekt des Evangeliums aus dem Blick gerät.

Es geht uns doch bei der Be­schreibung des Ewigen Lebens und des Glaubens nicht nur um die menschliche Sehnsucht, in irgendeiner Weise unsterblich zu sein! Im Mittelpunkt unserer Hoffnung stehen vielmehr die bleibende Zugehö­rigkeit zu Gott und die ewige und persönliche Gemeinschaft mit unserem Herrn, Jesus Christus. Nur wenn wir „leibhaftig“ leben, können wir Gott lie­ben und erkennen, ihn sehen und verehren. Nur so können wir im umfassen­den Sinne mit ihm Gemeinschaft haben und vor ihm im Kreis all derer, die ihn lieben, glücklich leben.

Wenn Christus uns bei unserem Namen ruft und wir den einzigartigen Na­men Jesu Christi anrufen, dann wissen wir, dass Gott uns selbst meint – und nicht nur etwas an uns! Mit Christus macht uns Gott, der Vater, in der Aufer­stehung ganz neu – aber er macht eben uns ganz neu; so wie er in der Aufer­weckung Jesu Christi ja keine andere Person schuf, sondern den für uns Ge­kreuzigten und Begrabenen persönlich von den Toten in seine Ge­meinschaft und Gegenwart gerufen hat! 

 

Entnommen aus: H.-J. Eckstein, Ich schenke deiner Hoffnung Flügel/Du hast mir den Himmel geöffnet. Perspektiven der Hoffnung, Holzgerlingen, S. 168-173.

 

 

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