Hans-Joachim_Eckstein_texte
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DER MOND IST AUFGEGANGEN UND MIR MIT IHM EIN LICHT

ÜBER DEN UNTERSCHIED VON EBENBILD UND ABBILD

VON HANS-JOACHIM ECKSTEIN

 

Wir sind als Menschen dazu geschaffen, Ebenbild Gottes zu sein, wie es schon der Schöpfungsbericht bezeugt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (1. Mose 1,27). Aber was ist genau mit dieser Ebenbildlichkeit gemeint? An eine äußere Ähnlichkeit oder Nachbildung kann wohl kaum gedacht sein, da Gott nicht wie ein Mensch vorgestellt wird oder abgebildet werden soll (2. Mose 20,4). Eher könnte man bei der Ebenbildlichkeit gemäß dem Schöpfungsbericht daran denken, dass der Mensch den Auftrag erhält, im Namen Gottes und vor ihm über die Erde und die übrigen Geschöpfe in Fürsorge und Verantwortung zu herrschen. Dann bezöge sich die Ebenbildlichkeit auf die Verantwortung, gemäß dem Auftrag Gottes und für ihn auf dieser Erde zu leben. Aber auch damit bleibt die Frage noch offen, wie dieses stellvertretende Handeln des Menschen als Bild und Gegenüber Gottes genau zu verstehen und auszuleben ist. Während wir in der deutschen Sprache von den Begriffen „Bild“, „Ebenbild“ und „Abbild“ an sich noch keine klare Vorstellung ableiten können, hilft uns die griechische Sprache weiter, in der die ersten Christen ihre „Heilige Schrift“ gelesen haben und die neutestamentlichen Bücher ursprünglich geschrieben wurden. Vom griechischen Sprachgebrauch und Denken her könnte man den biblischen Begriff „Ebenbild“ – eikōn – etwa so bestimmen: Das Ebenbild ist der sichtbare Ausdruck einer unsichtbaren Kraft, die erkennbare Verkörperung eines unsichtbaren Wesens, das wahrnehmbare Spiegelbild eines an sich verborgenen Urbildes. In diese Weise wird das Urbild durch das Ebenbild repräsentiert – d.h. es ist in ihm offenbar, gegenwärtig und wirksam. So wird Jesus Christus in 2. Kor 4,4.6 und Kol 1,15 als das Ebenbild Gottes bezeichnet, weil wir in seinem Angesicht das Wesen und die Herrlichkeit Gottes, seines Vaters, erkennen können und in ihm der an sich unsichtbare Gott für uns sichtbar und offensichtlich wirksam ist: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15). Durch seine Menschwerdung und sein irdisches Leben hat der Sohn Gottes das Wesen seines himmlischen Vaters offenbar gemacht; und durch seine Zuwendung und Hingabe bis zum eigenen Tod die Liebe und Güte Gottes für uns verkörpert. Er hat in allem, was er lebte, verkündigte und tat, das Wesen Gottes, seines Vaters, so widergespiegelt, dass des für uns greifbar und erfahrbar wurde. Deswegen kam es bei uns „zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“ (2. Kor 4,6). Damit konnten die ersten Christen von Jesus Christus bekennen, was Israel zuvor nur von Gottes eigenem Wort und seiner eigenen Weisheit zu sagen wagte – denn sie erkannten in Christus als dem Sohn Gottes die Weisheit Gottes in Person (1. Kor 1,30) und das Mensch gewordene Wort Gottes (Joh 1,1-18).1 Wer ihn sah, der sah zugleich den Vater; und wer ihn hörte, der hörte in Wahrheit Gottes Wort (Joh 5,19f.30; 12,44-50; 14,7-11). Wenn nun auch wir als an Christus Glaubende das Wesen und die Herrlichkeit Gottes für andere Menschen sichtbar machen sollen (2. Kor 3,18; 4,6), wie wir sie bei Christus gesehen und erkannt haben, liegt alles daran, dass wir unsere Bestimmung zur Ebenbildlichkeit richtig verstehen. Als Ebenbilder sind wir selbst nicht die Quelle, sondern der Strahl, nicht das Licht, sondern der Widerschein. Denn das Geheimnis eines Ebenbildes liegt nicht in seiner eigenen Kraft und Energie, sondern in dem Wesen seines Urbildes, auf das es bezogen ist und an dem es teilhat. Worin der entscheidende Unterschied zwischen einem so verstandenen Ebenbild und einer falsch verstandenen Abbildlichkeit und Nachahmung besteht, bekommen wir jedes Mal anschaulich vor Augen gestellt, wenn uns der volle Mond in der Nacht bei klarem Himmel leuchtet. Obwohl er selbst keine Lichtquelle ist und keine Energie zum eigenen Leuchten hat, strahlt er für uns das Licht der Sonne auch mitten in der Nacht zurück. Das Geheimnis seiner Faszination liegt nicht in seinem eigenen Vermögen, denn er verkörpert nicht die Lichtquelle, sondern die Widerspiegelung des Lichtes. Seine Wirkung beruht darin, das er das in der Nacht für uns an sich unsichtbare Licht der Sonne auffängt und zurückstrahlt. Er lässt uns an dem teilhaben, was er selbst empfängt. So sehen wir in Wahrheit eigentlich nicht den Mond, sondern die Sonne im Angesicht des Mondes strahlen; und was uns am Ebenbild fasziniert, ist der Widerschein des Urbildes. Der Mond ist als Ebenbild also ohne Einschränkung und Vorbehalt auf die Sonne bezogen und steht nicht etwa in einem Konkurrenzverhältnis zu seinem Urbild. Er braucht es weder zu imitieren noch mit ihm zu rivalisieren. Er würde es nicht einmal wahrnehmen, dass er auch selbst strahlt, weil er ganz in dem Licht der Sonne steht, von der er alle Ausstrahlung bezieht. Nur manchmal kann es doch passieren, dass selbst bei Vollmond und in klarer Nacht das Licht der Sonne sich für uns verdunkelt, dann nämlich, wenn sich unsere Welt – die Erde – zwischen den Mond und seine Sonne stellt und ihn für kurze Zeit verfinsternd um seine Faszination und Wirkung bringt.

 

 

IST DAS NICHT HERRLICH?

 ERKENNEN BEDEUTET IM BILDE SEIN

„Nun aber spiegelt sich bei uns allendie Herrlichkeit des Herrn in unserem aufgedeckten Angesicht, 2 Weniger romantisch, aber nicht weniger zutreffend könnte man auch sagen, dass die elektrischen Birnen Ebenbild des elektrischen Stroms sind, denn sie sind der sichtbare Ausdruck einer an sich für unser Auge unsichtbaren Kraft. Sosehr sie von sich aus nicht leuchten könnten, sosehr verkörpern sie doch als „Lichtkörper“ die in ihnen wirksame Energie, so dass man mit ihrer Hilfe den Strom an seiner Wirkung erkennen kann. und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur anderen von dem Herrn, der der Geist ist.“ Wir sollen keine eigene Herrlichkeit vorspiegeln, sondern Gottes Herrlichkeit unverhüllt und offen widerspiegeln. Es ist nicht mehr nötig, dass wir unser wahres Gesicht vor Gott und anderen Menschen verbergen, weil wir in Gottes Herrlichkeit ganz als wir selbst geborgen sind. Wir brauchen nicht kraft unserer eigenen Energie zu strahlen, sondern dürfen uns von Gottes Licht uneingeschränkt und unverdeckt bestrahlen lassen. Denn Gottes herrliche Liebe können wir gewiss nicht von uns aus produzieren, aber wir dürfen sie als von ihm Geliebte reflektieren.

Das ist nämlich die gute Nachricht, dass wir nicht selbst als große Leuchten erscheinen müssen, sondern das helle Licht des Evangeliums erblicken dürfen, wie es in dem uns zugewandten Angesicht Jesu Christi erstrahlt. Von uns wird also nicht erwartet, dass wir uns aus eigener Fähigkeit zum Abbild Jesu Christi ausbilden,sondern dass wir endlich werden, was wir schon seit der Schöpfung sein sollten und was Jesus Christus allezeit und offensichtlich ist, nämlich Gottes Ebenbild. Sein Ebenbild sind wir aber nicht, indem wir uns selbst erleuchten, sondern indem der Gott, der einst das Licht durch sein Wort erschuf, das Licht seiner Erkenntnis in uns und durch uns für andere Menschen erkennbar zum Leuchten bringt. „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ 2. Kor 3,18; 4,4.6

 

ICH BIN DER HERR, DEIN GOTT

Alles können wir bekommen, wenn wir an Gott als dem Leben und der Liebe partizipieren, und alles werden wir verlieren, wenn wir mit ihm rivalisieren. Wie reich wird unser Leben, wenn sich das Leben selbst in uns entfalten kann, und wie arm und einsam müssten wir werden, wollten wir ohne die Liebe oder gar gegen sie existieren. 

2. Mose 20,2ff

 

KINDER DES LICHTS

Es gibt Menschen, die erscheinen uns wie Edelsteine. Nicht dass sie anders als andere Menschenkinder von sich aus leuchten oder göttliches Licht hervorbringen könnten; aber sie reflektieren und entfalten das empfangene Licht so farbenfroh und strahlend, dass man sich unwillkürlich nach der Lichtquelle umschaut.

 

 

 

 

 

1. Thess 5,5; vgl. Mt 5,14; 2. Kor 3,18; 4,6 Abgedruckt in H.-J. Eckstein, Du bist Gott eine Freude. Glaubensleben – Lebenslust, Holzgerlingen 2013, 31.78.129-132.133-135. Vgl. zu Christus als Ebenbild Gottes: H.-J. Eckstein, „Mein Herr und mein Gott“. Wie ein Zweifler den Auferstandenen „begreift“, in: ders., Wenn die Liebe zum Leben wird. Grundlagen des Glaubens 3, Holzgerlingen 2010, 89-110.

 

1 Von Gottes eigener Weisheit gilt nach der Weisheit Salomos 7,25f: „Sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen; darum kann nichts Unreines in sie hineinkommen. Denn sie ist ein Abglanz des ewigen Lichts und ein fleckenloser Spiegel des göttlichen Wirkens und ein Ebenbild seiner Güte.“ Vgl. auch Spr 3,19f; 8,22-31; Jesus Sirach 24,3-10; Weisheit 7,21-30; 8,3.6.

 

3 So die Lutherbibel von 1545 an bis zur Revision von 1984 im Einklang mit den vorangehenden Ausführungen in 2. Kor 3,1-17, speziell V. 7.13 (so auch Zürcher Bibel, Schlachter, Jerusalemer Bibel, Einheitsübersetzung, New International Version u.a.). Die alternative Wiedergabe mit: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel ...“ ist von den folgenden Aussagen in 2. Kor 4,4 und 6 her bestimmt. Die Variation von „widerspiegeln“ und „im Spiegel schauen“ erklärt sich durch die doppelte Bedeutung des zugrundeliegenden Zeitworts im Griechischen (katoptrizo, -mai). – Paulus knüpft in 2. Kor 3,7 – 4,6 an die Erzählung von dem Glanz auf dem Angesicht des Mose in 2. Mose 34,29-35 an: „die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte“ (V. 29).

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