Hans-Joachim_Eckstein_texte
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TOLERANT AUS GLAUBEN

VORWORT

Wenn die Liebe zum Leben wird – dann wird das Leben zur Liebe! Wenn die Beziehungen, die unser Leben begründen, stärken und erfüllen, für uns wirklich und erfahrbar werden, dann entwickelt sich in uns zunehmend die Fähigkeit, unser eigenes Leben in der Realität der Liebe zu erkennen und zu gestalten. Denn unsere Befähigung zur Beziehung erwächst aus unserer eigenen Beziehungsgewissheit, und un- sere Beziehungsgewissheit gründet in unserer selbst erfahrenen Beziehungswirklichkeit.

Die Einführungen in die »Grundlagen des Glaubens« wenden sich sowohl an diejenigen, die sich aus einer interessierten Distanz mit den Wurzeln des Christentums beschäftigen wollen, als auch an die, die das Fundament ihres eigenen Glaubens und persönlichen Erlebens gedank- lich noch klarer zu entdecken suchen. ob es um die Grundbestimmung und Erfahrbarkeit des Glaubens geht oder um das zentrale Got- tesverständnis, ob es sich um das »Begreifen« der Bedeutung Jesu Christi handelt oder um das Erfassen dessen, was Liebe überhaupt ist und sein kann, jeweils kommt der Glaube als zum Leben befähigende und ermutigende Beziehung in den Blick. Dass es sich bei diesem Glaubens- verständnis um ein durchaus realistisches Ideal handelt und die gewonnene Glaubensgewissheit als solche auch zur Wahrnehmung und Aner- kennung anderer führt, entfalten die beiden abschließenden Beiträge zu Gerechtigkeit und Toleranz.

Wer weitere »Grundlegungen des Glaubens« und elementare Zugänge zu zentralen theolo- gischen Fragen sucht, der wird in »Zur Wieder- entdeckung der Hoffnung« und in »Glaube als Beziehung« fündig werden.Wer sich anschauliche und persönliche Texte zu einem von Hoffnung und Liebe bestimmten Glauben wünscht, der wird z. B. in »Glaubensleben – Lebenslust« oder in der »Trilogie« zu den drei Wesensmerkmalen der christlichen Existenz eine sinnvolle Ergän- zung sehen. Sie alle – die sachlich-theologischen wie die lyrisch-meditativen Bücher – laden auf je eigene Weise zur Entdeckung eines lebensbeja- henden und beziehungsgewissen Glaubens ein.

 

TOLERANT AUS GLAUBEN

GLAUBENSGEWISSHEIT UND ANERKENNUNG ANDERER79

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Phari- säer und Schriftgelehrten murrten und spra- chen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hun- dert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s n- det? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nach- barn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verlo- ren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.«

(Lukas 15,1-7) 

Tolerant aus Glauben« und »Glaubensge- wissheit und Anerkennung anderer« sind die Themen, denen wir uns auf der Grundlage dieses ersten der drei berühmten Gleichnisse vom Verlorenen – oder sollen wir besser sagen: vom Gefundenen? – aus dem Lukasevangelium widmen wollen. Dabei haben wir zur Verstän- digung zunächst die Begriffe selbst in Hinsicht auf ihre biblischen Bezüge in den Blick zu neh- men.

Was meinen wir mit »Toleranz«? Verstehen wir den Toleranzbegriff zurückhaltend, dann denken wir an »Duldung«; bestimmen wir den Toleranzbegriff hingegen im gefüllten Sinne, dann beinhaltet er die umfassende »Anerken- nung« und »Annahme« des anderen. Ich erin- nere mich daran, dass wir als oberstufenschüler einmal einen dialektischen Aufsatz zu schreiben hatten, bei dessen Themenstellung es um eben diese Differenzierung ging: »Toleranz und Akzeptanz – bestimmen Sie beide Begriffe in ihrem Verhältnis zueinander.«

Begreifen wir Toleranz lediglich im Sinne von »Dulden« und »Duldsamkeit«, dann mag das Wort einen leicht überheblichen und gönner- haften Ton erhalten: Ein souveräner Herrscher gewährt jemandem Toleranz, er »duldet« ihn mit seinen abweichenden religiösen oder poli- tischen Überzeugungen. Diese Assoziation kann der Begriff Toleranz vor allem im europäischen Ausland auslösen, zumal er für sich genommen und wörtlich weder die Gleichheit noch auch die umfängliche Anerkennung voraussetzt.

Aber es liegt auch eine Stärke in der zu- rückhaltenden Bestimmung als »Duldung«. Versteht man nämlich das Gebot der Toleranz quasi als Minimalforderung im Umgang mit dem Fremden und Andersartigen, dann ist es sowohl eher realisierbar als auch gesamtge- sellschaftlich leichter zu plausibilisieren. Selbst der Nebengedanke der »Souveränität« und der »Gewährung« bringt zumindest zur Geltung, dass die Toleranzforderung auf Einsicht und Zustimmung abzielt und nicht auf Zwang und Unterdrückung. Für echte Toleranz wird geworben; sie kann nicht religiös, politisch oder ideo- logisch aufgenötigt werden. Auf diesen Aspekt des Bittens, Überzeugens und Werbens werden wir im Zusammenhang der Verkündigung und des Wirkens Jesu noch zurückkommen.

Gehen wir hingegen von einem vertieften Toleranzverständnis aus, dann bringt dies die Schwierigkeit mit sich, dass eine umfassende wechselseitige Anerkennung abweichender Überzeugungen, Normen und Wertsysteme viel schwerer zu begründen und zu realisieren ist. Dies gilt schon innerhalb der kirchlichen Ge- meinschaft, wie viel mehr gesamtgesellschaft- lich. Zudem bedarf eine umfassende Toleranz- forderung unbedingt der Differenzierung, um nicht als pauschale Bejahung von allem und jedem und als utopische Egalisierung aller Ver- hältnisse und Beziehungen missverstanden zu werden. Es kann aber andererseits nicht strittig sein, dass Jesu Aufforderung zur Feindesliebe, zum Segnen derer, die ver uchen, und zur Für- bitte für die, die beleidigen, mehr beinhaltet als nur ein distanziertes Dulden oder auch ein Gel- tenlassen auf der Basis der Gegenseitigkeit (vgl. Lk 6,27-36).

Wenn wir uns nun der Entfaltung der Ver- kündigung und Argumentation Jesu nach dem Lukasevangelium zuwenden, können wir wohl drei Einsichten als weitgehend akzeptiert vor- aussetzen:

1. Eine unterbestimmung im Sinne der Gleich- gültigkeit gegenüber dem anderen kann mit der hier zu behandelnden Toleranz nicht gemeint sein. Dieses gesellschaftlich verbreitete: »Ich habe dich gern, und du kannst mich auch gern haben!«, ist unserer nicht würdig.

2. Wir sind uns gemeinsam im Klaren, dass wir die Grundlagen und Voraussetzungen der To- leranz bedenken müssen. Es geht uns nicht um eine naive und pauschale Toleranzforderung. Die Toleranz bedarf der inhaltlichen und exis- tenziellen Begründung.

3. Inzwischen hat sich sowohl aus theologischen Gründen wie auch aus sozial-psychologischer wie politischer Einsicht die Erkenntnis durchge- setzt, dass wir nicht von Toleranz sprechen kön- nen, ohne auch die Grenzen der toleranz klar zu kennzeichnen. Eine naive und undifferenzierte absolute Toleranzforderung würde das Anliegen

einer begründeten Toleranz nicht etwa fördern, sondern gefährden. Wer sich gegenüber einer radikal gelebten Intoleranz anderer nicht zu ver- halten weiß, schadet nicht nur sich selbst, son- dern auch den Grundlagen der Gemeinschaft, weil er die Intoleranz indirekt stärkt.

 

AUS GLAUBEN UND AUFGRUND DES GLAUBENS

Schließlich sind auch die Formulierungen »Glaubensgewissheit« und »aus Glauben« noch kurz zu klären. Beim Thema »Glaubens- gewissheit und Anerkennung anderer« wird die Polarität hervorgehoben, die darin besteht, dass der Forderung nach Toleranz und damit der Betonung der Solidarität auf der anderen Seite auch die Förderung der Glaubensfestigkeit und damit der Identität entsprechen muss – der Identität des Einzelnen und der Gemeinschaft der Gläubigen. Der Begriff der »Glaubensge- wissheit« erinnert an die bereits angesprochene Notwendigkeit eines Fundaments, einer Grund- legung der Toleranz im Glauben.

Bei der präpositionalen Bestimmung »aus Glauben« mag unser Verständnis etwas chan- gieren, d. h. farbig schillern; darin liegt vielleicht sogar ihr besonderer Reiz. Meinen wir damit, dass es dem Glauben – d. h. dem an der Verkün- digung, an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi orientierten Glauben – entspricht, tolerant zu sein? Ist der Glaube die verbindliche Maßgabe für Forderung und Bereitschaft der Toleranz?

Wer mit den neutestamentlichen Texten ver- traut ist, erkennt in der knappen Wendung »aus Glauben« zugleich die prägnanteste Beschrei- bung der Grundlage und Voraussetzung der christlichen Existenz überhaupt.80 »Aus Glau- ben« – d.h. auf der Grundlage des Glaubens, im Wirklichkeitsbereich des Glaubens – werden wir durch Christus aus Gnade versöhnt, ange- nommen und zur Gemeinschaft mit Gott und miteinander befähigt. »Aufgrund des Glaubens« werden wir »gerechtfertigt«, d. h. von Gott be- gnadigt und freigesprochen; und »aufgrund des Glaubens« können wir schon hier und jetzt trotz aller Einschränkungen unserer Wirklich- keitserfahrung real in der Gemeinschaft Christi erfüllt und gelingend leben.

Dabei ist entscheidend, dass der Glaube nicht etwa als die vom Menschen zu leistende Vorbe- dingung zum Heil verstanden wird, sondern als die Art und Weise, in der Gott den Menschen an seiner Liebe und seinem Leben teilhaben lässt. Der Glaube, aus dem die Gläubigen leben, ist selbst schon Geschenk; und die prägnante Formel »aus Glauben« bezeichnet somit selbst schon die Realität der Beziehung und Lebens- gemeinschaft der Glaubenden mit Christus. Als Glaubende gründen wir uns nicht in uns selbst, nicht in unserem eigenen Wert und nicht in dem, was wir zu leisten vermögen. Wir verstehen uns vielmehr von dem her, was uns von Gott zuge- sprochen und garantiert wird.

 

GOTTES ANNAHME UND ANERKENNUNG

Nun mag man einwenden, dass das Haupt- problem einer biblischen orientierung hinsichtlich unseres Themas darin zu sehen ist, dass der Begriff der »Toleranz« als solcher in den Traditionen des Alten und des Neuen Testaments keine zentrale Rolle spielt. Diese

Einschränkung lässt sich allerdings nur für die Vokabel selbst, nicht aber für den damit bezeichneten Sachverhalt formulieren. Wenn wir an die Begriffe »Geduld« und »Langmut«, »Barmherzigkeit« und »Gnade«, »Güte«, »Menschenfreundlichkeit« und »Annahme« denken, wird uns sofort deutlich, dass wir von der alttestamentlichen wie neutestamentlichen Wesensbeschreibung Gottes sprechen. In Güte und Geduld steht Gott zu seinem Volk Israel, und in Liebe und Barmherzigkeit wendet er sich der ihm gegenüber feindlich gesinnten Welt zu.

Wenn wir den Toleranzbegriff allerdings an der biblischen Wesensbeschreibung Gottes messen wollen, gewinnen wir sowohl einen sehr hohen Maßstab für das Verständnis von »An- nahme« und »Anerkennung« als auch zugleich sehr deutliche Differenzierungen. Denn einer- seits wird Gottes »Dulden« auf seine unbedingte Zuwendung und voraussetzungslose Liebe zu den ihn ablehnenden Personen zurückgeführt, aber andererseits beinhaltet die Bejahung der »Sünder« keinesfalls die Verharmlosung, An- erkennung oder gar Bejahung ihrer »Sünde«. »Gerechtfertigt« werden die Gottlosen, nicht aber ihre Gottlosigkeit; die kann gnädig verge- ben und insofern geduldig ertragen werden – nicht aber »anerkannt« und »gutgeheißen«. Die »Versöhnung« Gottes bezieht sich auf die ihm feindlich gesinnten Personen, nicht auf deren erklärte Feindschaft; die soll gerade nicht »to- leriert« – d. h. anerkannt und bestätigt – werden, sondern überwunden.

Mit dieser Differenzierung von »Person und Werk« ist nicht etwa eine trennung beider oder eine Geringschätzung des gelebten Lebens und der Leistung gemeint, sondern eine klare Diffe- renzierung zwischen der Person selbst und ihrem Verhalten. Gerade weil Gott die Menschen un- eingeschränkt liebt, kann er das, was das Leben dieser Menschen einschränkt, keinesfalls »tole- rieren« – im Sinne von »anerkennen« und »gut- heißen«. So wird nicht nur Gottes »Toleranz«, sondern gerade auch seine »Intoleranz« gegen- über dem, was Leben und Liebe gefährdet und zerstört, als Ausdruck seiner Liebe und nicht etwa als Unduldsamkeit oder Ablehnung erkannt.

Sowenig wie Eltern bei der Erziehung ohne eine Differenzierung von »Person und Werk« auskommen könnten, sondern die Zuneigung

zu ihren Kindern mitunter gerade im Nichtto- lerieren eines gefährlichen Verhaltens erwei- sen müssen, so wird auch Gottes »Nein« zu menschlicher Gefährdung und Zerstörung als Ausdruck seines »Ja« zu den Menschen selbst verstanden. Denn wie sollte man ein verant- wortliches Toleranzverständnis anders fassen, wenn z.B. kleine Kinder sich mit Küchenmes- sern streiten wollen?

Entsprechendes ließe sich an der Differenzie- rung von Liebe und Wahrheit durchführen: Die Liebe gilt uneingeschränkt der Person; aber um eben dieser Liebe willen ist die Konfrontation mit der Wahrheit unumgänglich. Wir könnten auch an die Duale von zuspruch und Anspruch Gottes erinnern oder von evangelium und Ge- setz – wobei mit »Gesetz« im theologischen Sinne nicht etwa das Alte Testament oder die »Tora« (d.h. die fünf Bücher Mose) insgesamt bezeichnet wird, sondern Gottes den Menschen bei seinem Verhalten behaftendes Wort.

 

JESU ANNAHME DER SÜNDER UND DIE INTEGRATIoNSLEISTUNG DES EVANGELIUMS

So liegt in der hochdifferenzierten biblischen Bezeugung der »Toleranz Gottes« gewiss ein enormes orientierungspotenzial für die Forde- rung nach zwischenmenschlicher Toleranz. Was eine Rückbesinnung auf die Zeugnisse der ers- ten Christen – und hier speziell auf das Lukas- evangelium und die Apostelgeschichte – zudem als lohnend erscheinen lässt, ist die atemberau- bende Integrations- und Inkulturationsleistung, die der frühen Kirche in den ersten Jahrzehnten ihres Entstehens abverlangt wurde.

 

1. Das, was Jesus in seiner offenen Zuwendung zu den »verlorenen Schafen« in Israel – den sprichwörtlichen »Zöllnern und Sündern« – seinen Jüngern und den Gerechten81 in Israel zumutete, musste nach deren Selbst- und Welt- verständnis »Murren« – als Reaktion auf ein »nicht tolerierbares« Verhalten – provozieren (Lk 15,2).82 Aber nicht nur Jesu Annahme der Sünder in Israel, sondern auch seine – gerade

von Lukas herausgestellte – Vorurteilsfreiheit gegenüber Samaritern83 und seine für die Zeit ungewöhnliche Anerkennung und Aufwertung der Frauen84 stieß auf Befremden und Wider- stand.85 Die Auseinandersetzungen um diese Zuwendung Jesu zu den Armen, zu den Sün- dern und Ausgeschlossenen in Israel, diese lei- denschaftliche Verteidigung des Evangeliums von der Zuwendung und Barmherzigkeit Gottes durch den irdischen Jesus selbst können wir his- torisch als den »ersten Sitz im Leben« dieser Jesusüberlieferungen erkennen.

 

2. Diese Traditionen von Jesu Begegnungen und Tischgemeinschaften, von Jesu Worten und Gleichnissen gaben seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern auch nach Kreuz und Auferste- hung ihres Herrn Maßstab und Vorbild, als die Verkündigung der angebrochenen Gottesherr- schaft über Jerusalem und Judäa hinaus ihren Weg über Samarien bis zu den Heiden fand (vgl. Apg 1,8; 11,1 ff.; 15,1 ff.). Können wir uns die Herausforderung für die überwiegend aramä- isch sprechende Urgemeinde vorstellen, als sie erfuhr, dass sich nun auch griechisch sprechende Heiden auf ihren Herrn bezogen und ihren Gott der Väter mit »Abba, lieber Vater!« anriefen? Bei diesem Übergang des Evangeliums von der jüdischen Urgemeinde in Judäa und Galiläa hin zu den aus Juden und Heiden zusammen- gesetzten gemischten Gemeinden in der grie- chisch sprechenden und denkenden Diaspora ist der »zweite Sitz im Leben« dieser Jesusüber- lieferungen zur Verteidigung der Annahme der Sünder zu erkennen.

 

3. Zur Zeit des Lukas- oder des Matthäus- evangeliums selbst waren diese missionstheo- logischen Grundentscheidungen der Toleranz und Akzeptanz der ursprünglichen Heiden in der Gemeinde Jesu Christi längst vollzogen. Die Brisanz der vorbildlichen Hinwendung Jesu zu den Fremden, Andersartigen und Ausgegrenzten erwies sich nun vor allem bei der Frage des Um- gangs mit denen, die als Glieder der Gemeinde abweichend von der eigenen Überzeugung dachten und handelten – oder auch unbestritten gefehlt hatten. So überliefert gerade Matthäus das Gleichnis vom Verlorenen Schaf im Zusam- menhang einer Gemeinderede (Mt 18,1-35), in der es anschließend um die Begründung der sie- benundsiebzigfachen – d. h. unbegrenzten – Ver- gebungsbereitschaft unter »Brüdern« geht. In dieser Einladung und Aufforderung zur inner- gemeindlichen Toleranz ist dann der »dritte Sitz im Leben« der das Evangelium verteidigenden Verkündigung Jesu von der Güte seines himm- lischen Vaters zu erkennen.

 

DIE VERBINDUNG DES SCHEINBAR WIDERSPRÜCHLICHEN

Für unseren heutigen kirchlichen wie gesell- schaftlichen Kontext liegen Faszination und Herausforderung dieser vielfältigen Anwendung des Evangeliums Jesu in der Verbindung des für uns scheinbar Widersprüchlichen. Die Toleranz- forderung erwächst nicht aus einer Relativierung der religiösen Überlieferungen und einer Tendenz weltanschaulicher Vereinheitlichung, sondern sie gründet umgekehrt in einer dezidierten Glau- bensgewissheit und einem unbeirrten sendungs- bewusstsein.DieKraftzurToleranzerwächstaus der Glaubensfestigkeit und steht nicht im Gegensatz zu ihr. Das Evangelium hat von Beginn an nicht für eine Toleranz trotz des Glaubens, sondern »aus Glauben« geworben. Dabei wurde die Aufforderung zur Annahme und positiven Zuwendung nicht etwa nur auf diejenigen be- zogen, die ihrerseits den Weg in die Glaubensge- meinschaft suchten, sondern ausdrücklich auch auf die, die nicht zu gegenseitiger Toleranz bereit waren und den an Christus Glaubenden ihrer- seits mit Vorbehalt und Ablehnung begegneten. Hatte doch Jesus seine Jünger mit dem Hinweis auf die Barmherzigkeit ihres himmlischen Vaters sogar zur Liebe gegenüber den Feinden aufgeru- fen: »Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch uchen; bittet für die, die euch beleidigen« (Lk 6,27 f.38).

 

DAS WERBEN FÜR DIE TOLERANZ

Vergegenwärtigenwiruns,aufwelcheWeise Jesus selbst und mit Bezug auf ihn die Evangelien sich für eine Toleranz einsetzen, die mehr als »Dulden« und nicht weniger als die »Annahme« und »Anerkennung« des anderen als Person bedeutet, dann fällt zunächst und vor allem die entgegenkommende, gewinnende, ja bittende Art der Argumentation und Darstel- lung auf. Wenn wir zu Anfang bei dem Begriff der Toleranz den Beigeschmack der Souveräni- tät und Überlegenheit bemängelten, so ndet er an dieser Stelle durchaus seine positive Ent- sprechung. Eine Toleranz im gefüllten Sinne von persönlicher Anerkennung und umfänglicher Annahme kann weder mit politischen Mitteln durchgesetzt noch ideologisch erzwungen wer- den; für eine solche Toleranz kann nur gewor- ben werden, und eine solche Zuwendung wird in der Tat freiwillig und aus Liebe und Einsicht gewährt.

Dabei lassen sich gerade in den Gleichnis- sen Jesu drei verschiedene Weisen erkennen, in der er die zunächst ablehnend Reagierenden zu einer neuen Einstellung gegenüber dem Evan- gelium führt und sie damit zu einem grundle- genden Perspektivenwechsel und einer existen- ziell neuen Sicht einlädt.

 

1. Zunächst und vor allem wird der Blick auf Gott selbst und sein Wesen gelenkt: Gott ist wie

ein Hirte, der selbstverständlich nach seinem verlorenen Schaf sucht; er ist wie ein liebender Vater, der in seiner Liebe gar nicht anders kann, als seinen wiederkehrenden Sohn vergebend in die Arme zu schließen (Lk 15,1-32). Gott ist wie ein Gläubiger, dem es gefällt, die große, ja sehr große Schuld seiner beiden Schuldner von sich aus zu erlassen (Lk 7,41 f.).

Damit werden die zunächst Verschlossenen dazu eingeladen, den eigenen Standpunkt ein- mal zu verlassen und dieselbe, zunächst befrem- dende Situation mit den Augen Gottes zu sehen. »So gütig und barmherzig ist Gott – zu dir und zu denen, denen du die Anerkennung und glei- che Würde bisher verweigerst!« Darin spricht sich die tiefe Erkenntnis aus, dass Annahme vom Angenommensein herrührt und das eigene Nach-Hause-Finden im Gefundensein gründet: »Dieser mein Sohn...war verloren und ist ge- funden worden!« (Lk 15,24.32). Die Fähigkeit zur Liebe erwächst aus der eigenen Erfahrung der Liebe; und es bedarf eines Gegenübers, um sich selbst und andere angemessen zu erkennen. Liebe kann nicht erzwungen werden, sie wird re ektiert!

 

2. Neben dieser Beschreibung des Wesens Got- tes überrascht auch der Perspektivenwechsel im Blick auf die zunächst bedrohlich und fremd erscheinenden anderen. Sie sind wie ein »ver- lorenes Schaf«, eine »verlorene Drachme«, ein »verlorener Sohn« (Lk 15); ja sie sind wie »Kranke, die des Arztes bedürfen« (Lk 5,31) und wie »Verschuldete« (Lk 7,41f.), die nur noch auf Gnade hoffen können.

Mit diesem Perspektivenwechsel werden die Besorgten in ihrer Einschätzung durchaus ernst genommen, und die nicht tolerierbare Voraus- setzung wird keineswegs bestritten. Die Sünde der Sünder wird nicht verharmlost; und den- noch erscheinen diese plötzlich aus der Perspek- tive des barmherzigen Gottes unter dem Aspekt ihres Angewiesenseins. Auch dieser Perspekti- venwechsel beinhaltet wieder eine unmittelbar einleuchtende Wahrheit. Angst und Aggression gründen in dem Eindruck der Bedrohung und Gefährdung; wer sich sicher ist und sich nicht bedroht fühlt, der muss sich auch nicht aggres- siv abgrenzen.

Ein Feind, den man sich direkt vor Augen stellt, wirkt höchst bedrohlich; aber durch die Fähigkeit der Distanzierung wird die Gefahr entdämonisiert und auf ihr wirkliches Bedro- hungspotenzial reduziert. Die Beschreibung der Schwachheit und des Angewiesenseins des Fremden, die die Befremdung nicht überspielt, sondern einbezieht, schafft die Voraussetzung für eine angstfreie Begegnung.

So geht es letztlich um die Erübrigung von unbegründeter Angst, denn solange die Angst bestimmend ist, kann Toleranz nicht aufkom- men. In der Verhaltensforschung würden wir von einer »Beißhemmung« sprechen, die die Wahrnehmung der eindeutigen Unterlegenheit und Schwachheit des anderen auslöst. So sind wir auch zutiefst bestürzt, wenn Menschen of- fensichtlich ohne jede sozial erlernte Hemmung sich an den Schwächsten und am Boden Lie- genden aggressiv auslassen. Wie tief müssen die Verwundungen sein, wenn jemand ohne jede Situationsangemessenheit wie unmittelbar um sein Leben kämpfend um sich tritt!

 

3. Schließlich wird in den Gleichnissen und Auseinandersetzungen Jesu der Perspektiven- wechsel auch dadurch herbeigeführt, dass die

Vorurteile gegenüber den nicht Tolerierten ent- larvt werden und die Ablehnung gegebenenfalls als unbegründet erwiesen wird. Denn die zu- vor betrügerisch handelnden Zöllner Levi und Zachäus vollziehen durch die Zuwendung Jesu in der Tat eine Lebenswende und machen das Unrecht weit über Erwarten wieder gut (Lk 5,27ff.; 19,1ff.); der »barmherzige Samari- ter« beschämt mit seinem nicht berechnenden und vorurteilsfreien Handeln die vermeintlich Gerechten (Lk 10,25ff.); der verlorene Sohn erweist sich vom Ende her als der tatsächlich vom Vater wiedergefundene (Lk 15,11 ff.); und die als Sünderin verachtete Frau reagiert in ih- rer dankbaren Liebe so überschwänglich, dass ihre Zuwendung das an sich korrekte Verhal- ten des Gastgebers plötzlich als unzureichend erscheinen lässt (Lk 7,36 ff.). Das, was bisher als »Recht« erschien, wird in jedem dieser Fälle durch die neue Perspektive des Handelns aus Liebe, Dankbarkeit und Einsicht übertroffen. Und das generelle Ablehnen und pauschale Misstrauen den Andersartigen gegenüber wird als beschämendes Vorurteil erwiesen.

 

MIT DEN AUGEN GOTTES SEHEN

All diese gewinnenden und bezwingen- den Argumente des Evangeliums wollen letztlich einheitlich dazu einladen, jeweils den eigenen Standpunkt auf Gott und seine Barm- herzigkeit hin zu verlassen und sich selbst und die anderen neu und bleibend mit diesen Augen Gottes zu sehen. Denn das, was alle verbin- det, ist ihre Zugehörigkeit zu dem Vater Jesu Christi – sie wissen es oder wissen es nicht. Und was die Suche des Hirten, der Frau oder des Vaters in Lk 15 motiviert, ist allein, dass alles Verlorene in Wirklichkeit und umso mehr zu dem gehört, der es sucht. Der Wert liegt bereits in der Zugehörigkeit begründet und nicht erst im angemessenen Verhalten.

Was quali ziert das verlorene Schaf für die Suche seines Hirten, und was trägt der verlo- rene Groschen zu seinem Gefundenwerden bei? Und wollten wir den verlorenen Sohn nach unserem Vorverständnis für seine Abkehr von den Schweinetrögen rühmen, so belehrt uns der begeisterte Freudenruf des Vaters, dass in Wahrheit »ein Toter lebendig« und »ein Verlorener gefunden wurde« (Lk 15,24.32). Wer emp ndet nicht Freude, wenn etwas lange Gesuchtes plötzlich gefunden wird? Und wer kennt nicht das Bewusstsein des Entbehrens, wenn etwas dringend Benötigtes unauf ndbar scheint? Mit der Einladung: »Freut euch mit mir!« (Lk 15,6.9), wird nicht nur für Toleranz im Sinne von »Duldung«, sondern für gemein- same »Annahme« und persönliche »Anerken- nung« geworben.

Freilich wissen wir nur zu gut auch um die Möglichkeit der Verweigerung dieser Einladung und der Verhärtung gegenüber der Mitfreude mit Gott. So hat das letzte der drei Gleichnisse vom Verlorenen in Lk 15 auch ein seltsames »Ach- tergewicht«, indem es von der verärgerten Re- aktion des vom Felde zurückkehrenden älteren Bruders berichtet. Er stört sich sichtlich an der Toleranz seines Vaters gegenüber dem jüngeren Bruder. Seine Intoleranz gilt allerdings nicht nur dem vergangenen Verhalten – da würde ihm der Vater durchaus recht geben, indem er selbst den Heimkehrenden als zuvor »verloren« und »tot« beschreibt –, sondern bleibend und unversöhn- lich der Person seines Bruders.

Vielleicht können wir aus diesem letzten, traurigen Gleichnisteil das Einschneidendste zum Thema Toleranz lernen. Gerade an diesem Beispiel der Verweigerung von Versöhnung und Annahme wird erkennbar, dass Toleranz nur aus der eigenen Gewissheit und Stärke er- wächst. Der ältere Bruder war sich seiner ei- genen Stellung und Wertschätzung durch den Vater offensichtlich zu wenig bewusst, obwohl sie – wie die Antwort des auch ihn bittenden und aufsuchenden Vaters eindrücklich zeigt – in Wirklichkeit nie gefährdet war: »Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein!« (Lk 15,31).

 

TOLERANZ AUS BEZIEHUNGSGEWISSHEIT, ANNAHME AUFGRUND VON ANGENOMMENSEIN

 

Sosehr wir gesellschaftlich auch über die Notwendigkeit der Grenzen von Toleranz sprechen müssen und akzeptieren sollten, dass es Situationen gibt, in denen eine passive Dul- dung und naive Zulassung gerade die Voraussetzungen des Zusammenlebens und die Ermög- lichung von Toleranz gefährden und zerstören, sosehr haben wir hier ein Beispiel für unbegrün- dete Angst, aus der heraus eine unangemessene Intoleranz erwächst – unangemessen vielleicht nicht aus der Perspektive des sich betrogen füh- lenden Bruders, wohl aber aus dem Blick des beide Söhne gleich liebenden Vaters. Aus dem Blickwinkel des Vaters gab es keinen Grund für Neid und Sorge, weil seine Liebe durch das Tei- len nicht weniger wurde! Aber aus der subjek- tiven Sicht des älteren Bruders, der sich selbst offensichtlich von seinem eigenen Tun und dem Wert seiner Arbeit her verstand (Lk 15,29 f.), bewirkte der aus der Fremde kommende Sohn Verunsicherung und Verlustangst. Um tolerant zu sein und in die Annahme und Anerkennung des Vaters einstimmen zu können, hätte der äl- tere Sohn sich seiner Beziehung zum Vater ganz gewiss sein müssen.

So gilt, dass Beziehungsgewissheit sowie ei- gene Überzeugung und Stärke nicht Gegenbe- griffe zur Toleranz sind, sondern deren notwen- dige Voraussetzung. Wer solidarität erreichen will, muss identität stärken, und wer die sozialisation ausbilden will, der muss den Raum für eine in Beziehung und Zuwendung ermöglichte individuation schaffen. Indem Eltern sich ihren Kindern zuwenden und sie lieben, werden diese fähig, Geschwister zu sein; und wenn Geschwis- ter sich gegenseitig annehmen können, lernen sie es, sich Fremden angstfrei und selbstbewusst zuzuwenden: »Da ging sein Vater heraus und bat ihn...›Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn die- ser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefun- den‹« (Lk 15,28.31 f.).

Wie antwortet der ältere Bruder auf die ein- dringliche Bitte seines Vaters hin? Nun, die Ant- wort des Angesprochenen steht am Ende des Gleichnisses noch aus, weil es im Evangelium nicht um Fremdunterhaltung geht, sondern um eigene Lebensgestaltung. Die Zuhörenden kön- nen sich ihrer eigenen Antwort nicht entziehen und werden durch den Perspektivenwechsel von Jesus dazu angeleitet, sich selbst und andere mit den Augen seines Vaters zu betrachten.

 

KONSEQUENZEN AUS DEM EVANGELIUM VON DER ANNAHME

 

1. Die Begründung der Toleranz wird im Neuen Testament auf dreifache Weise entfaltet. Grund- legend ist die schöpfungstheologische Argumen- tation. Die Barmherzigkeit des Vaters gilt allen Menschen als solchen, da sie alle Geschöpfe des einen Gottes sind. Wert und Würde jedes Menschen sind schon darin begründet, dass die Zugehörigkeit zu Gott sie als unentbehrlich und unverwechselbar erweisen. Ungeachtet ihres möglichen »Verloren-«, »Schuldig-« oder »Krankseins« – oder vielmehr gerade wegen ih- rer Gottesferne – gilt ihnen die ungeteilte Auf- merksamkeit Gottes als des »Hirten«, »Vaters« oder »Arztes«. – »Denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist« (Lk 6,35 f.).

 

2. Durchgängig wird im Neuen Testament die Anleitung zur Toleranz christologisch begrün- det. Dies ist in den Evangelien besonders evident, da sie sich von Anfang an als Evangelium von Jesus Christus verstehen und alles, was sie zu sagen haben, an dem Leben und Wirken, an dem Handeln und Lehren, an der Passion und der Auferstehung Jesu orientieren. Der ir- dische Jesus und auferstandene Christus ist für die Evangelisten nicht nur historisches Vorbild, sondern vielmehr bleibende Grundlage und reale Voraussetzung für alle Verkündigung in Zuspruch und Anspruch. Dies gilt aber nicht weniger für die neutestamentliche Brie itera- tur: Wenn Paulus die Gemeinde in Röm 14,1 – 15,7 zu gegenseitiger Toleranz und Annahme ermahnt, dann tut er das unter Hinweis auf das Angenommensein durch Christus, das er zuvor ausführlich in den ersten elf Kapiteln entfaltet hat. Und wenn er die Philipper zu gegenseitiger Hochschätzung und wechselseitiger Rücksicht- nahme ermuntert, dann begründet er diesen hohen Anspruch mit dem Zitat des berühmten Christushymnus in Phil 2,5.6-11: »Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war« oder: »... wie es in Jesus Christus angemessen und möglich ist, gesinnt zu sein« (V. 5).

Nun könnte man erwägen, ob man inner- christlich in diesem Sinne christologisch argu- mentiert und im außerkirchlichen Diskurs unter

Absehung von der Christologie. Ist die christo- logische Perspektive nicht lediglich eine spezielle und nachgeordnete, während die schöpfungs- theologische Perspektive die übergeordnete und verbindende ist? Die neutestamentlichen Zeugen gingen mit Gründen den umgekehrten Weg! Das Wesen des »einen Gottes« ist nicht schon von einem allgemeinen Gottesgedanken her eindeutig bestimmt, und dass der Schöpfer seine Schöpfung in unwiderru icher Treue und Barmherzigkeit liebt, ergibt sich keineswegs so eindeutig aus der allgemeinen Beobachtung der Natur oder der Geschichte – und auch nicht aus einem allgemeinen Religionsbegriff.

Wer Gott wirklich ist und wie er sich endgül- tig – d.h. verbindlich und bleibend – offenbart hat, erkennen die ersten Christen im Angesicht Jesu Christi. Von der Christuserkenntnis her wird die offenbarungsgeschichte vereindeu- tigt, und dass der Schöpfer wirklich barmherzig und treu ist, erweist sich in der Menschwerdung und Lebenshingabe seines eigenen Sohnes. So geht es auch bei dem Bekenntnis zu der vorge- burtlichen Präexistenz des Gottessohnes in der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater

(Joh 1,1 ff.; Phil 2,6 ff.), so geht es bei der Er- kenntnis der Schöpfungsmittlerschaft Christi als des »Wortes Gottes« (Joh 1,1 ff.; 1. Kor 8,6) und bei der überraschenden Verbindung Jesu mit Abraham (Joh 8,56 ff.; Gal 3,16) oder bei Jesajas auf Christus bezogener Gottesschau (Joh 12,41) nicht um dogmatische Spitz ndig- keiten, sondern um hermeneutisch grundle- gende Erkenntnisse für die Glaubensgewissheit. Weil der Gottesbegriff von Christus her seine positive Eindeutigkeit gewinnt, ist der Ansatz bei dem Sohn Gottes – und damit bei dem Va- ter Jesu Christi – unaufgebbar. Aus christlicher Perspektive reden wir von dem »einen Gott« grundsätzlich als von dem trinitarischen – d.h. drei-einigen oder drei-faltigen – Gott.

Das, was den Blick für anders Denkende und anders Glaubende öffnet, ist nach dem Evangelium die Gotteserkenntnis im Angesicht Jesu Christi und die befreiende Wirkung seines Geistes (2. Kor 3,17 f.; 4,6). Die unaufgebbare Würde des Fremden und die Perspektive auf den anderen als den von Gott gleich Geliebten erge- ben sich gerade durch das Hören und Schauen auf den Vater Jesu Christi. Wie kann man der Schwester oder dem Bruder schaden wollen, um derentwillen doch Christus gestorben ist (1. Kor 8,11)?

 

3. Schließlich sei zur Begründung der Toleranz- forderung auch noch darauf hingewiesen, dass sie wie jede neutestamentlich-ethische Anwei- sung eschatologisch – d.h. vom ende und der göttlichen Vollendung her – motiviert wird. Gegen alle Anfechtungen und Zweifel und an- gesichts aller vergeblich erscheinenden Mühe wird daran festgehalten, dass es Gott selbst sein wird, der endgültig Sünde und Tod überwindet und seinen Menschen versöhnend und tröstend ihre Tränen abwischt (offb 21,1 ff.).

Dies ist insofern unentbehrlich, als Feindes- liebe und Annahme, Vergebungsbereitschaft und Tun der Gerechtigkeit innerhalb der eige- nen Biogra e und der erfahrbaren Geschichte sich wohl für andere und die Gemeinschaft als lohnend und sinnvoll erweisen, hinsichtlich der sich selbst Hingebenden aber die Frage nach Gottes Barmherzigkeit noch nicht befriedigend klärt. Wie könnten wir die Lebenshingabe Jesu ohne das Licht des ostermorgens verstehen?

Wie könnten wir Gott als gütig und liebend bekennen, wenn geschichtlich das Unrecht und das grenzenlose Leid das letzte Wort behalten würden, wenn die Intoleranz und Feindschaft ausgerechnet über die Liebenden und Frieden- stiftenden, über die opfer und Leidenden der Geschichte endgültig triumphieren dürften? Auch hier geht es wieder nicht um entbehrliche »letzte Dinge«, sondern um die Grundlagen des Gottesbegriffs. Von Gottes Barmherzigkeit und Toleranz als »Annahme« und »Anerkennung« kann nur insofern als verantwortlich und vor- bildlich gesprochen werden, als dieser Gott in seinem endgültigen Eingreifen und »Zu-Recht- Bringen« auch die Grenzen seiner Toleranz und seines »Duldens« erweist und für seine Men- schen alle Ungerechtigkeit und Feindschaft überwindet.

Vater im Himmel!« (Mt 6,9 diff. Lk 11,2), vergegen- wärtigt der matthäischen Gemeinde bei ihrem Gebet jeweils die Besonderheit ihrer Gottesbeziehung.

 

 

  1. 78  S. H.-J. Eckstein, Siebenundsiebzigmal Unrecht oder Liebe, in: ders., Erfreuliche Nachricht – traurige Hö- rer? Gedanken zu einem ganzheitlichen Glauben, 7. Au ., Holzgerlingen 2008, 113–115.

  2. 79  Nach einer Bibelarbeit auf der 4. Tagung der 10. Sy- node der Evangelischen Kirche in Deutschland am 7. November 2005 in Berlin.

  3. 80  Vgl. Röm 1,17; 3,26.30; 5,1; 9,30; 10,6; Gal 2,16; 3,8.11.24; 5,5.

  4. 81  »Gerechte« nach dem Lukasevangelium: (a) im posi- tiven Sinne: Lk 1,6.17; 2,25; 14,14; 23,50; Apg 10,22; (b) im Sinne von vermeintlich »gerecht«: Lk 16,15; 18,9; 20,20; (c) in der Akzentuierung umstritten: Lk 5,32; 15,7 (im Sinne von Variante [a] oder [b]? Selbst- bezeichnung der Gegner? Ironischer Gebrauch?).

  5. 82  Lk 5,27-32; 7,34; 15,1 ff.; 18,9-14; 19,1-10.

  6. 83  Lk 9,51-56; 10,29-37; 17,11-19 – jeweils »Sonder-

    gut«, d.h. nur im Lukasevangelium überliefert.

  7. 84  Lk 2,36-38; 7,11-17.36-50; 8,1-3; 10,38-42; 13,10-

    17; 23,26-31; 23,55 – 24,11 (vgl. 1,26-38; 1,39-56).

  8. 85  S. zum Lukasevangelium H.-J. Eckstein, Aspekte einer lukanischen Anthropologie am Beispiel von Lukas 7,36- 50, in: M. Bauks/K. Liess/P. Riede (Hg.), Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? (Psalm 8,5). Aspekte einer theologischen Anthropologie, FS für Bernd Ja- nowski zum 65. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 2008, 63–75; ders., Pharisäer und Zöllner. Jesu Zuwendung zu den Sündern nach Lukas 18,9-14, in: ders., Der aus Glauben Gerechte wird leben. Beiträge zur Theologie des Neuen Testaments, BVB 5, 2. Au ., Münster u.a.

    2007, 143–151.

  9.  

BÜCHER VON HANS-JOACHIM ECKSTEIN:

Ich habe meine Mitte in dir
Schritte des Glaubens

Hc., 128 S., Nr. 393 538, ISBN 978-3-7751-3538-3 Zu den Themen: Glaube und Alltagsbewältigung.

Du liebst mich, also bin ich
Gedanken – Gebete – Meditationen

Hc., 160 S., Nr. 393 633, ISBN 978-3-7751-3633-4 Als Hörbuch: Compact Disc
Nr. 395 168, ISBN 978-3-7751-5168-9
Zu den Themen: Liebe und Persönlichkeitsentfaltung.

Du hast mir den Himmel geöffnet Perspektiven der Hoffnung
Hc., 176 S., Nr. 393 787, ISBN 978-3-7751-3787-4 Zu den Themen: Hoffnung und Lebensgestaltung.

Eckstein exklusiv:
Trilogie zu Glaube, Liebe und Hoffnung.
Schuber, Nr. 394 710, ISBN 978-3-7751-4710-1

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Von der Stärke der Schwachheit

Hc., 160 S., Nr. 394 502, ISBN 978-3-7751-4502-2 Gedanken, Gedichte und Meditationen.

Glaubensleben – Lebenslust
Ich freue mich an dir

Hc., 160 S., Nr. 394 816.000, ISBN 978-3-7751-4816-0 Gedanken, Gedichte und Meditationen.

Gelassen in dir
Aufstellbuch mit Aphorismen

Spiralheft, 120 S., Nr. 394 416, ISBN 978-3-7751-4416-2 Kurze Texte, Gedanken und Gebete, die zu einer begrün- deten und vertrauensvollen Gelassenheit einladen.

Glaube, der erwachsen wird

Hc., 128 S., Nr. 393 836, ISBN 978-3-7751-3836-9 Wenn der Glaube erwachsen wird, sucht er nach einer neuen, reifen Ursprünglichkeit, die zum Leben befähigt und den kritischen Rückfragen standhält.

Zur Wiederentdeckung der Hoffnung
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Hc., 144 S., Nr. 393 898, ISBN 978-3-7751-3898-7 Spannende theologische Entfaltungen des Evangeliums zu den Themen: Hoffnung und Auferstehung, Frage nach Gott, Evangelium und Rechtfertigung.

Glaube als Beziehung
Von der menschlichen Wirklichkeit Gottes Grundlagen des Glaubens 2

Hc., 170 S., Nr. 394 458, ISBN 978-3-7751-4458-2 Einfühlsame Entfaltungen des Evangeliums laden zu einem befreienden und lebensbejahenden Glauben ein.

Lass uns Liebe lernen
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Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.
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Gh., 32 S., Nr. 391 442, ISBN 3-7751-1442-4

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Tolerant aus Glauben Hans-Joachim Eckstein
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