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Gott wird Mensch

 

 Hans-Joachim Eckstein

Glaube als Beziehung

Von der menschlichen Wirklichkeit Gottes 

Gott wird Mensch Vom menschlichen Gottesbild zum christlichen Menschenbild 

 

GOTT WIRD MENSCH 

VOM MENSCHLICHEN GOTTESBILD ZUM CHRISTLICHEN MENSCHENBILD1

Mit der Lehre von Christus, der sog. „Christolo-gie“, haben in den letzten Jahrzehnten nicht nur der Kirche Fernstehende, sondern zunehmend auch in der Kirche Engagierte erhebliche Schwierigkeiten. Wie erklärt man einem modernen Menschen noch den Sinn des Kreuzes Jesu, der für die Seinen sein Leben gelassen hat? Wie kann man die urchristli-che Freude an der leibhaftigen Auferstehung Jesu von den Toten und seiner Erscheinung vor den Jüngern heute noch teilen? Und wie soll man das Geheimnis von Weihnachten, dass Gott selbst in einem Stall zur Welt gekommen und in einem Kind Mensch geworden ist, unter unseren Voraus-setzungen der Neuzeit noch nachvollziehen? 

Aber nicht nur das Geheimnis der Person, des Wirkens und der Passion Jesu Christi erscheint vie-len eher rätselhaft; neben der „Christologie“ berei-tet ihnen an den traditionellen Überlieferungen auch die dort vorausgesetzte „Anthropologie“ – d.h. die Lehre vom Menschen und das Menschen-bild – ernste Probleme. Wenn der Mensch in derchristlichen Tradition als „Sünder“ in den Blickkommt, dessen „Dichten und Trachten von Jugendauf böse ist“ und der deshalb auf Vergebung undErlösung angewiesen ist, bringt das nicht wenigevon uns in Verlegenheit. Gilt es inzwischen dochweithin zumindest als „unangemessen“ und „unge-schickt“, wenn nicht sogar als pädagogisch undtheologisch „schädlich“ und „politisch inkorrekt“,den Menschen überhaupt auf seine Unzulänglich-keit und Bedürftigkeit anzusprechen. Haben wirnach dem vorherrschenden Menschenbild nichtvielmehr davon auszugehen, dass der Mensch ansich prinzipiell gut ist und nur durch negative sozi-ale und politische Einflüsse und Umstände an sei-ner natürlichen Selbstentfaltung gehindert wird?

 

Wie lässt sich die biblische Rede von dem Menschen als Sünder von Geburt – ja vom Anfang der Geschichte an – mit einer „gesellschaftsfähigen“ Vorstellung vom grundsätzlich lebensorientierten und liebesfähigen Menschen vermitteln? 

Also beides, die Lehre von Christus wie die darin eingeschlossene und vorausgesetzte Lehre vom Menschen sind bei dem Gedanken von der „Menschwerdung Gottes“ für das neuzeitliche Denken schwer nachvollziehbar geworden. Dabei könnte man von „Gott“ an sich durchaus noch sprechen, und die Vorstellung von einem letzten Grund des Seins, von einem höheren Wesen, von dem Prinzip des Lebens oder dem Ideal der Liebe möchte wohl kaum jemand in seiner Weltanschau-ung missen. Im Dialog mit anderen Religionen ist die Rede von „Gott“, aber auch in ganz banalen Zusammenhängen wie bei der Floskel vom „Wet-tergott“ oder dem „Fußballgott“. Einem Trost und Geborgenheit suchenden Kind mag man noch vom „Lieben Gott“ erzählen und in der Stunde eigener Krankheit und Not sich auch durchaus selbst ein ungewohntes Gebet zum Himmel abringen. Im Allgemeinen aber ist unsere Rede von Gott in der Neuzeit eher unspezifisch und übertragen gemeint. Die Vorstellung von Gott als einer allmächtigen und in Raum und Zeit hinein handelnden Person, die in Jesus von Nazareth menschliche Gestalt an-genommen hat, erscheint daneben eher als überholt und anstößig. 

Nicht nur in Hinsicht auf unser Gottes- und Welt-bild, unser Verständnis von Natur und Geschichte, hat sich seit der Aufklärung Entscheidendes geän-dert, sondern auch im Hinblick auf unser Men-schenbild. Die alten Duale von Himmel und Erde, Gott und Mensch, Transzendenz und Immanenz wurden abgelöst durch ein Weltbild, das den Men-schen selbst als Mittelpunkt der Welt und der Ge-schichte, der Vernunft und der Lebensgestaltung sieht. „Ich denke, also bin ich!“, „Ich handle, also bin ich!“, „Ich fühle, also bin ich!“ sind die Be-kenntnisse des neuzeitlichen Menschen, der sich selbst als unabhängiges Subjekt seines eigenen Le-bens erkannt hat. Nicht einen fremden Willen oder eine vorgegebene Bestimmung hat er zu verwirkli-chen, sondern vielmehr sich selbst und das von ihm als zuträglich Erkannte. 

 

BEFREIUNG VON EINEM DÜSTEREN MEN-SCHENBILD? 

Dass die Ablösung des alten Denkens mit seiner Vor- und Überordnung Gottes über den Menschen von vielen als Befreiung empfunden worden ist, erklärt sich zum Teil aus den traditionellen theologischen Verknüpfungen und anthropologischen Implikationen, die sich oft gerade bei ausgeprägter Frömmigkeit eingeschlichen hatten. Dann wurde aus dem Gegenüber von Gott und Mensch ein Dua-lismus von Gut und Böse, Licht und Finsternis, Kraft und Schwachheit, Wahrheit und Lüge, der den Menschen jeweils auf sein Unvermögen, seine Vergänglichkeit und Schuld reduzierte. Eine Er-ziehung in diesem Geiste konnte es sich zum Ziel nehmen, den Kindern den angeborenen Geist der Auflehnung auszutreiben und sie zur konsequenten Ein- und Unterordnung anzuhalten. Wenn das „Selbst“ des Menschen als das eigentliche Problem gesehen wurde, lagen in der Unterwerfung des „Ich“ und in der „Selbstverleugnung“ die wahren Ziele der Persönlichkeitsentwicklung. Und wenn der eigene Wille und die Selbständigkeit als Auf-lehnung verstanden wurden, dann galt es als erklär-tes pädagogisches Ziel, dem Kind „den Willen zu brechen“ und es mit allen Mitteln – gegebenenfalls auch mit Anwendung von körperlicher Züchtigung –zum Gehorsam gegenüber einem übergeordnetenWillen anzuhalten. Angesichts einer solchen so genannten „schwarzenPädagogik“ musste das Weltbild der Aufklärungund das Menschenbild der Neuzeit geradezu alsErlösung aus der Sklaverei und Befreiung von derUnterdrückung erscheinen. Nicht eine fremde Macht, nicht ein Gott oder seine irdischen Stellver-treter prägten weiterhin die Geschichte und das ei-gene Leben, sondern der sich selbst erkennende und bestimmende Mensch. Dieser muss sich nun nicht mehr anderen Normen und Vorstellungen un-terwerfen, muss nicht mehr Rücksicht nehmen auf vorgegebene Maßstäbe, sondern er kann sich selbst und seine Kriterien eigenständig schaffen und ver-wirklichen. An die Stelle des Schuldbewusstseins tritt der Durchsetzungswille, und an die Stelle der Rücksicht auf fremde Interessen die Selbstbehaup-tung. Der Mensch muss nicht länger als „böse“ und „schuldig“ beurteilt werden, denn er kommt mit guten Anlagen und unschuldig auf die Welt. Diese guten Anlagen gilt es in der Pädagogik lediglich zu entfalten und das eigentliche „Selbst“ gilt es zu entwickeln. Denn der Mensch wird als von seiner Anlage her gut bestimmt; alles, was er zu seiner Entfaltung braucht, ist bereits in ihm angelegt; es darf nur nicht behindert werden. Böse und unsozial machen ihn ausschließlich eine unangemessene, an alten Normen orientierte Erziehung und abträgli-che soziale und politische Verhältnisse. An die Stelle, die in einem früheren Weltbild Gott ein-nahm, tritt nun der Mensch selbst, der zu erkennen meint, dass nicht Gott den Menschen zu seinem Ebenbilde erschuf, sondern dass vielmehr er selbst, der Mensch, in seiner früheren Unreife und Ängst-lichkeit die Vorstellung von Gott erschaffen habe. 

 

SCHÖPFUNGSTHEOLOGIE STATT KREUZES-THEOLOGIE? 

Freilich gibt es auch für eine Theologie im Geiste der Aufklärung noch Möglichkeiten, biblische Vorstellungen und traditionelle Muster für die neue Sicht vom Menschen auszuwerten und so die jü-disch-christliche Überlieferung auch für die eigene Sache noch fruchtbar zu machen. Dazu wurde ers-tens immer wieder die Schöpfungstheologie ange-führt, da sie – im Unterschied zu einer erlösungs- und versöhnungsbetonten Kreuzestheologie – leichter mit dem ungebrochenen Selbstbewusstsein des modernen Menschen vermittelbar erscheint. Nach dieser Deutung geht es freilich bei der Schöpfungserzählung nun nicht um das Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf, sondern vielmehr um den Menschen als das Ebenbild Gottes, und das heißt dann: als sein Stellvertreter und seine Ver-körperung auf Erden, als Herrscher über die Schöpfung und das Leben. In der Rede von der „Gottebenbildlichkeit“ meint man die eigene Sicht vom Gutsein und dem unverbrüchlichen „göttli-chen“ Kern, den es nur freizulegen gilt, wiederzu-erkennen. In der Zeit der Abwesenheit Gottes – oder wie es zugespitzt auch schon formuliert wur-de: „nach dem Tode Gottes“ – tritt der „gottgewor-dene“ Mensch an dessen Stelle und übernimmt die Verantwortung für sich selbst, für die Schöpfung und die Geschichte. Während die biblische Schöp-fungsgeschichte in 1 Mose 1-3 gerade die Wider-sprüchlichkeit des Menschen veranschaulicht, der in seinem Verlangen nach Gottgleichheit und Er-kenntnis von Gut und Böse sein eigenes Menschsein und sein Leben gefährdet, propagiert eine Schöpfungstheologie ohne das Gegenüber von Gott und Mensch, von Schöpfer und Geschöpf letztlich die vertraute und verführerische Bot-schaft: „Ihr werdet sein wie Gott!“ 

Nun können wir ganz unbestreitbar gar nicht genug darauf aufmerksam machen, dass wir als Men-schen selbst für unser Leben und diese Welt ver-antwortlich sind, dass wir uns nicht mit einer über-geordneten Wirklichkeit und mit vorgegebenen Normen entschuldigen dürfen. ‚Hier und jetzt‘ sol-len wir leben, unsere Möglichkeiten ergreifen und unsere Ziele verwirklichen. Jedoch lässt uns die pathetische Rede von den unbegrenzten Möglich-keiten, der optimistischen Selbsteinschätzung und der unbedingten Entscheidung auch gelegentlich ins Schlingern geraten. Dann torkeln wir zwischen illusorischen Allmachtsphantasien und unrealisti-schen Ohnmachtsgefühlen auf dem Boden der Wirklichkeit. Der Rausch des Machbaren hinter-lässt bei uns einen schmerzhaften Kater des Ver-säumens, des Versagens und der verpassten Mög-lichkeiten. Denn wenn unsere ganze Zukunft aus-schließlich in unserer Hand liegt, dann sind wir auch in Hinsicht auf unsere verfehlte Gegenwart, die wir als unerlöste Vergangenheit weitertragen, gänzlich auf uns allein gestellt. 

 

DAS VORBILD JESU VON NAZARETH 

Der zweite Bereich theologischer Umsetzung der neuzeitlichen Idee vom selbständigen und selbst-bestimmten „göttlichen“ Menschen findet sich in der Orientierung an dem vorbildlichen Menschen Jesus von Nazareth. Dieser verkörpert in diesem Zusammenhang freilich nicht etwa den Mensch gewordenen Gott, sondern vielmehr den Gott ge-wordenen Menschen. Jesus repräsentiert den gegen alle falsche Rücksichten und überholte Normen sich auflehnenden Menschen, der sich selbst und seine Ideale verwirklicht und durchsetzt. In seiner unbestechlichen Rede, in seinen radikalen ethi-schen Forderungen und in der Konsequenz seines ethischen Handelns kann er – auch ohne jeden reli-giösen Überbau – als Vorbild für das wahre Menschsein gelten. Ja als der erhöhte „Christus“, dessen Botschaft und Sache auch sein eigenes Sterben am Kreuz weit überlebte, kann er geradezu zur Chiffre für das „Selbst“ werden, das jeder in seinem eigenen Leben gegen alle Außenbestim-mung, in Überwindung aller Entfremdung und trotz aller Leiderfahrung zu entfalten hat. 

Freilich könnte man einräumen, dass eine Orientie-rung an dem Menschen Jesus so falsch ja nicht sein kann und wir uns für unsere heutige Gesellschaft gar nichts Besseres wünschen können, als dass sich möglichst viele Menschen die Ethik und das Ver-halten Jesu zum Vorbild nähmen. Die Probleme beginnen aber auch hier wieder bei der Verken-nung der eigenen Voraussetzungen und der Über-schätzung der eigenen Möglichkeiten. Im jugendli-chen Überschwang mögen wir noch für unser vor uns liegendes Leben an die Machbarkeit des Un-möglichen und die grundsätzliche Veränderbarkeit der Welt glauben – und wer von uns wäre nicht voller Illusionen und guter Vorsätze aus seiner Ausbildungsphase in die Praxis gegangen? Aber spätestens bei der Umsetzung unserer Ideale im Alltag wird uns bewusst, dass wir uns nicht nur hinsichtlich unserer eigenen Kraft und Möglichkei-ten, sondern zugleich auch im Hinblick auf die Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit der Reali-tät – und damit auch der uns anvertrauten Men-schen – Illusionen gemacht haben. Sollen wir unser einheitliches, ideales Weltbild unter Verleugnung unserer eigenen Wirklichkeit dennoch festhalten und unsere Erfahrung und Selbstwahrnehmung weiterhin durch Appelle und Durchhalteparolen übertönen? Oder wird der sprichwörtliche „Praxis-schock“ uns so abstumpfen lassen, dass wir nicht nur unsere überzogenen Ideale, sondern auf Dauer auch unsere notwendige berufliche Perspektive und uns selbst aufgeben? 

Ob wir die Verpflichtung auf das Vorbild Jesu von Nazareth eher konservativ als konsequente „Lei-densnachfolge“ und „Gehorsam“ Christus gegen-über bestimmen oder eher liberal bzw. neuhumanistisch von der Orientierung an dem wahren Men-schen Jesus sprechen, in jedem Fall führen wir uns selbst und die Menschen, die uns anvertraut sind, in die programmatische Selbstüberforderung. Was ist mit der Erfahrung von Versagen und Schuld, was mit der Wirklichkeit der eigenen Grenzen und der Zwiespältigkeit selbst der gut gemeinten Hand-lungen? Wo bleibt unser Veränderungspathos, wenn wir in unveränderten Situationen bei verän-derungsmüden Menschen ausharren müssen? Wie können wir mit uns selbst und anderen umgehen, wenn die Orientierung an dem großen Vorbild eher die eigene Kleinheit und Inkonsequenz lähmend bewusst macht, als dass sie zu ethischer Größe und konsequenter Nachfolge motiviert? 

 

DIE MENSCHLICHE WIRKLICHKEIT GOTTES 

Nun liegt das Geheimnis dessen, was in den Evan-gelien des Neuen Testaments von Jesus von Naza-reth berichtet wird, gerade nicht in der Verklärung göttlicher Möglichkeiten eines Menschen, sondern vielmehr in der Verherrlichung der menschlichen Wirklichkeit Gottes. Um es mit den Worten des bekannten Johannesprologs (Joh 1,1.14) zu sagen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ... Und das Wort ward Fleisch (d.h. ein vergänglicher, sterblicher Mensch) und wohnte unter uns, und wir sahen sei-ne Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des einzigge-borenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Es mag manche überraschen, dass an-gesichts der Schwächen des neuzeitlichen Men-schenbildes ausgerechnet eine dogmatisch „hohe“ Christologie die Lösung bringen soll. Aber in der Tat ist gerade die Christologie, die im Himmel be-ginnt, diejenige, die auch wirklich die Erde er-reicht; und es ist die Botschaft von der Mensch-werdung Gottes in seinem eigenen Sohn, die Men-schen in der „Götterdämmerung“ der eigenen Ent-larvung und Ernüchterung trösten und ermutigen kann. 

Aber wie wird Jesus Christus verstanden, wenn er als das einzigartige Schöpfungswort und die Selbstmitteilung Gottes, wenn er als „der Sohn Gottes“ selbst bekannt wird? Wie in allen Erzäh-lungen, Reden und Dialogen deutlich wird, soll er als eine Person, nicht aber als ein Mensch „wie du und ich“ erkannt werden. Er gilt vielmehr als die persönliche Gegenwart und Zuwendung Gottes. Denn alles, was von Christus im Evangelium be-kannt wird, ließe sich von keinem Menschen, son-dern theologisch gesprochen nur von Gott selbst, philosophisch gesprochen nur von „dem Sein“ und „letzten Grund“, „dem Leben“ und „der Liebe“ selbst aussagen. Christus ist nicht nur einer von Millionen Lebenden, sondern alles geschaffene Leben gründet in ihm und hat an seinem Leben teil, so dass er selbst als „das Leben“ (Joh 1,3f; 11,25f; 14,6) verstanden wird. Er hat nicht nur er-hellende Worte und ist nicht nur eine lichtreiche Persönlichkeit, sondern er ist selbst „das Licht“, in dem alles besteht und lebt (Joh 1,4; 8,12). Er spricht nicht nur die Wahrheit und lehrt nicht nur Verbindliches, sondern er ist selbst „die Wahrheit“ (Joh 14,6) und damit Maßstab und Kriterium der Wirklichkeit. Er ist nicht nur ein „Seiender“, son-dern „das Sein“ selbst, nicht nur ein „Liebender“, sondern die „Liebe in Person“, denn „Gott ist die Liebe!“ (1 Joh 4,8.16). 

Bei einer so tiefgründigen Bestimmung der Menschwerdung Gottes erscheint auch das Gegen-über von Gott und Mensch in einer völlig anderen Perspektive. Es geht bei dem Menschenbild des Evangeliums – speziell des Johannesevangeliums – nicht primär um ethisches Versagen und morali-sche Schuld, nicht um Minderwertigkeit und Un-mündigkeit. Vielmehr wird das Angewiesensein des Menschen auf Gott als ein ganz grundsätzli-ches und prinzipielles verstanden. Der Mensch ist als Geschöpf auf Gott als seinen Schöpfer angelegt – und dies ganz selbstverständlich, und nicht nur aufgrund von Scheitern und aus Verlegenheit. Als Lebender bedarf er stets des Lebens und könnte ohne dies nicht einen Augenblick alleine leben. Die Seienden partizipieren am Sein; und die Lie-benden verkörpern die Liebe. 

So kommt das Gegenüber von Gott und Mensch gerade nicht als lebenshinderlich und abwertend in den Blick, sondern umgekehrt als lebensfördernd und aufwertend. Der Mensch ist auf Beziehung hin angelegt und kann sich als das isolierte Ich gerade nicht in angemessener Weise selbst entfalten. In der Erfahrung von Liebe wird er liebesfähig und infolge von erlebter Zuwendung lernt er, sich selbst in ausgewogener Weise anderen zuzuwen-den. Nicht dass er schwach und angewiesen ist, er-scheint dann als das Grundproblem des Menschen, sondern vielmehr, dass er mit dieser Offenheit und eigenen Begrenztheit nicht wahrhaftig umgeht. Als „Sünde“ und „Verfehlung“ gelten somit nicht nur Abweichungen vom eigenen Selbstbild und Unzu-länglichkeiten im eigenen Verhalten, sondern vielmehr die lebensabträgliche und liebeshindernde Verschlossenheit gegenüber dem Gott, der als das Leben und die Liebe selbst verstanden wird. 

 

LIEBENSWÜRDIG ODER WÜRDIG GELIEBT? 

Nun sind mit den Kategorien der „Beziehung“ und der „Liebe“ die Missverständnisse hinsichtlich der göttlichen Hinwendung zum Menschen und der menschlichen Relation zu Gott noch keineswegs alle ausgeschlossen. Auch „personale Beziehun-gen“ können durchaus lebensabträglich sein, und es gibt Formen der Zuwendung, die alles andere als aufwertend und befreiend wirken. In der Sozi-alpsychologie und der Pädagogik haben wir die begriffliche Unterscheidung von „konditionierter“ und „nichtkonditionierter Annahme“ kennen ge-lernt. Wenn Zuwendung an das Wohlverhalten und die Wohlgefälligkeit des Gegenübers gebunden ist, dann sprechen wir von „bedingter“ Annahme, denn sie ist sowohl an „Vorbedingungen“ geknüpft als auch als solche „vorbehaltlich“. In Wahrheit be-zieht sich eine solche Zuneigung nicht auf die Per-son selbst, sondern auf bestimmte Aspekte, Eigen-schaften oder Qualitäten der Persönlichkeit. Die Wertschätzung gilt dann nicht dem Menschen an sich, sondern vielmehr seinen attraktiven Seiten und erwartungskonformen Verhaltensweisen. Da eine solche Art von Anerkennung und Liebe nicht bedingungslose Zuwendung ist, sondern in Wahr-heit erarbeitet und erkauft werden muss, enttäuscht sie nicht nur die „Ungeliebten“, sondern zugleich auch die vermeintlich „Geliebten“. Denn sie müs-sen „liebenswert“ sein, um die Zuwendung zu er-langen, die sie eigentlich voraussetzungslos brau-chen; und sie müssen sich „liebenswürdig“ verhal-ten, um die Aufwertung zu erfahren, die sie doch unbedingt auf ihre eigene Person beziehen wollen.  

Vielmehr gewinnen wir als Menschen unsere Zu-versicht, unsere Sicherheit und unser Glück aus Beziehungen, in denen wir uns bedingungslos und umfassend geliebt und anerkannt wissen. Wenn wir erleben, dass wir uns nicht erst durch unser Verhalten als „liebenswert“ erweisen müssen, um Zuwendung zu empfangen, werden wir frei davon, uns nur von unseren Leistungen her zu verstehen und uns von unseren Erfolgen abhängig zu ma-chen. Es gibt keine Voraussetzungen mehr, die wir in unserem Leben zuerst erfüllen müssen, um An-erkennung und Liebe zu gewinnen, sondern die Liebe selbst wird zur Voraussetzung und Grundla-ge unseres Lebens. Das „eigentliche“ Lebensglück steht dann nicht länger in eine unbestimmte Zu-kunft hinein aus, sondern es kann hier und jetzt gewonnen und gestaltet werden. Auf diese Weise müssen wir nicht fortwährend der Anerkennung nachjagen und ständig neue Bedingungen erfüllen, von denen wir unser Glück abhängig machen, son-dern wir können anfangen zu sein. 

Wenn wir erleben, dass die Liebe eines anderen nicht nur unseren „liebenswerten“ Seiten, sondern uns selbst umfassend gilt, bekommen wir den Mut, uns zunehmend auch mit unseren Schattenseiten auseinander zu setzen und uns zu sehen, wie wir wirklich sind. Wir müssen ja nicht länger fürchten, durch unsere Wahrhaftigkeit und Offenheit die Zu-neigung wieder zu verlieren. Im Gegenteil, weil wir geliebt werden und nicht nur die Rollen, die wir spielen, kann es die Beziehung nur vertiefen, wenn wir dem anderen und uns nicht länger etwas vormachen, sondern ehrlich werden. 

So bewirkt gerade die Liebe, die uns bejaht, wie wir sind, dass wir uns verändern, und die unbe-dingte Annahme bringt uns dahin, dass wir ihr zu-nehmend auch durch unser Verhalten entsprechen. Nichts ist für uns überwältigender als die Erfah-rung uneingeschränkter Liebe. Sie ist – gerade in-dem sie voraussetzungslos und bedingungslos gilt –für uns so folgenreich und prägend wie kein an-deres Erleben.

 

VON DER UNBEDINGTEN ZUWENDUNG GOTTES 

Wenden wir diese Differenzierung von „bedingter“ und „unbedingter Annahme“, von „konditionier-ter“ und „nicht konditionierter Zuwendung“ auf die verschiedenen Vorstellungen von Glauben und auf die unterschiedlichen Ausformungen des Gottes- und des Menschenbildes an, dann mögen die Bei-spiele für eine vorbehaltlich erlebte religiöse An-erkennung und eine konditionierende und gesetzlich einschränkende Frömmigkeit empirisch durchaus überwiegen. Wie soll ein fehlbarer Mensch sich auch gegenüber einem als vollkom-men vorgestellten Gott so profilieren, dass er vor ihm als gerecht erscheint? Wie kann ein Mensch die anstrengende Rolle des Liebenswerten und Liebenswürdigen vor einem Gott durchhalten, des-sen vornehme Eigenschaft es ist, selbst die Gedan-ken und das Herz der Menschenkinder zu durch-schauen? Nicht befreiend, sondern erdrückend wie ein übermächtiger strenger Vater wirkt dann das Gottesbild auf den, der ihm entsprechen will. Und der Vergleich mit der Vollkommenheit und Vor-bildlichkeit Jesu von Nazareth wird den, der sich aus eigener Kraft so redlich, aber aussichtslos um Nachahmung bemüht, in Selbstbetrug oder Ver-zweiflung treiben. Diese Art der Konditionierung hat die Frömmigkeit jahrhundertelang – und teil-weise bis heute – gefesselt und gekettet. 

Die grundlegende reformatorische Erkenntnis Mar-tin Luthers von der „Rechtfertigung des Menschen durch Gott allein im Glauben, allein aus Gnade und allein in Christus“ lässt sich kaum treffender als mit dieser Differenzierung von konditionierter und nicht konditionierter Annahme entfalten. Es geht auch hier um die grundlegende Alternative: Wird der Mensch „gerechtfertigt“ und anerkannt, weil er sich durch seine Gesinnung und sein Ver-halten als „gerecht“ – d.h. den Vorgaben und Nor-men entsprechend – erwiesen hat, oder wird er durch Gottes Zuwendung und Gnade vorausset-zungslos „freigesprochen“ und in das „richtige“ – d.h. „gerechte“ – Verhältnis zu Gott versetzt? Liebt Gott den Menschen, insofern sich dieser als lie-benswürdig zeigt und liebenswert verhält, oder er-kennt sich umgekehrt der Mensch als wertvoll und würdig, weil er sich von Gott geliebt und durch seine Zuwendung wertgeschätzt weiß? 

Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes und von der Inkarnation seines Wortes wurde von An-fang der Evangeliumsverkündigung an als unmiss-verständliches Zeugnis von Gottes voraussetzungs-loser und unbedingter Zuwendung zur „Welt“ – d.h. zu einer Gott gegenüber verschlossenen und ihm nicht zugewandten Menschheit – verstanden. Oder um es wieder mit den bekannten Worten des Johannesevangeliums zu formulieren: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebo-renen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Joh 3,16f). 

In dem Maße, wie wir andere wertschätzen, teilen wir uns ihnen mit. Wir schenken denen, die wir lieben, Zeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Vertrauen. Sosehr wir uns schon in jeder unserer Mitteilungen auch ein Stück selbst mitteilen, so-sehr gilt es als herausragendes Merkmal einer un-bedingten Zuneigung und unbegrenzten Liebe, wenn wir die Bereitschaft haben, jemandem nicht nur Zeit, Geld oder Worte zu schenken, sondern uns selbst offen und ungeschützt mitzuteilen. Wir erkennen die gegenseitige Liebe an der Bereit-schaft zur persönlichen Hingabe. Und wenn je-mand bereit ist, für die, die er liebt, sogar sein ei-genes Leben einzusetzen, sprechen wir von einer grenzenlosen und unbedingten Liebe. Oder wie es Jesus zu seinen Jüngern als seinen Freunden beim Abschied vor seiner Gefangennahme formulierte: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13). 

 

VON DER WÜRDE DES GELIEBTEN MENSCHEN 

Worin liegt also die Bedeutung des zentralen christlichen Bekenntnisses von der Menschwer-dung Gottes für das Menschenbild? Von vielen möglichen Gesichtspunkten kamen für uns vor al-lem zwei Aspekte in den Blick: Erstens wird die Erfahrung der unbedingten und voraussetzungslo-sen Selbstmitteilung Gottes und seiner persönli-chen, verbindlichen Hingabe an die Welt als Aus-druck einer grenzenlosen Zuwendung und Wert-schätzung erfahren. Die Bereitschaft zur Mensch-werdung Gottes steht für die vorbehaltlose und nicht konditionierte Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen, des himmlischen Vaters zu seinen Kindern, des Christus zu seinen Freunden. Die Frage, wie sich Gott als das Sein und die Liebe zu seinen Menschen in ihrem Angewiesensein und ih-rer Bedürftigkeit verhält, ist nicht offen, sondern eindeutig und überwältigend zu unseren Gunsten entschieden. 

Zugleich und zweitens ist mit der theologischen Erkenntnis, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst in menschlicher – d.h. angewiesener und vergäng-licher – Gestalt unter uns wohnte und unsere Schwachheit und Sterblichkeit mit uns teilte, eine grundlegende Veränderung der menschlichen Situ-ation und des Weltbildes verbunden. Das Gegen-über von Gott und Mensch, Allmacht und Schwachheit, Liebe und Bedürftigkeit, Ewigkeit und Vergänglichkeit muss nicht länger verleugnet und kompensiert werden, weil die scheinbaren Ge-gensätze in der Selbsthingabe Gottes versöhnt sind. Selbstentfaltung des Menschen und Verherrlichung Gottes bilden keinen Gegensatz mehr, weil sich der Schöpfer in der Lebensentfaltung seiner Geschöpfe verherrlicht und die Geschöpfe in ihrer Offenheit und Zugewandtheit gegenüber dem Schöpfer zu sich selbst finden. In der Christuserkenntnis kom-men Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis des Menschen zu einer lebenseröffnenden Vermittlung. Gott kam zu den Menschen, damit die Menschen endlich zu Gott kommen; Christus wurde arm und verachtet, damit wir an seinem Reichtum und an seiner Herrlichkeit teilhaben können. Das Leben scheute den Tod nicht, so dass in Zukunft keiner mehr ohne Hoffnung auf sein Leben sterben muss. Das Licht scheint in der Finsternis, so dass die, die der Dunkelheit ausgeliefert waren, nunmehr inmit-ten ihrer Welt den Glanz und die Herrlichkeit – nicht nur eines Menschen, sondern – ihres Gottes sehen. 

Was beide Aspekte – den der Offenbarung des Gottesbildes und den der Verwandlung des Welt- und Menschenbildes – verbindet, ist die Betonung einer ungekannten Würde des Menschen, die nicht erst durch die eigene Selbstentfaltung gewonnen werden muss und die auch durch die eigene Unzu-länglichkeit nicht widerlegt werden kann. Indem Gott seiner Welt nicht nur Worte, sondern sein ei-nes und entscheidendes Wort in Person mitgeteilt hat, vermittelt er ihnen eine Wertschätzung und Bedeutsamkeit, die sie zuvor nicht ahnen konnten. In dieser Gestalt uneingeschränkter Selbsthingabe Gottes findet der Mensch gerade in der Wahrneh-mung Gottes uneingeschränkt zu sich selbst

Dass die Erkenntnis dieser voraussetzungslosen Zuwendung Gottes gleichwohl nicht folgenlos bleiben kann, sondern ihrerseits zur Erwiderung der Anerkennung und zur Weitergabe einer sol-chen Wertschätzung drängt, ist gerade das Ge-heimnis einer nicht konditionierten Liebe. Denn während die bedingte Liebe den Menschen daran hindert, so zu werden, wie es von ihm erwartet wird, bewirkt die bedingungslose Liebe, dass der Mensch ihr so entsprechen will, wie sie es gar nicht als Bedingung verlangt hat. 

Freilich erscheint eine „Selbstentfaltung“ in die-sem Sinne nicht mehr als Ausdruck einer verzwei-felten Suche nach Anerkennung und Selbstbehaup-tung oder als Selbstüberforderung angesichts über-zogener und gesetzlicher Normen, sondern als ein ganz neues und in Liebe und Einsicht gegründetes Gebot der Stunde: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch ge-liebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger  seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34f). – „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jün-ger. Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,8f) 

 

 

Bücher von Hans-Joachim Eckstein: Eine Trilogie zu den drei Wesensmerkmalen christlicher Existenz "Glaube - Liebe - Hoffnung" bilden die folgenden Bücher mit Gedanken, Gedichten und Meditationen:

Ich habe meine Mitte in Dir Schritte des Glaubens Hc.; 128 S., Nr. 393.538, ISBN 3-7751-3538-3 Zu den Themen: Glaube und Alltagsbewältigung Du liebst mich – also bin ich Gedanken – Gebete – Meditationen Hc.; 160 S., Nr. 393.633, ISBN 3-7751-3633-9 Zu den Themen: Liebe und Persönlichkeitsentfaltung Du hast mir den Himmel geöffnet Perspektiven der Hoffnung Hc.; 176 S., Nr. 393.787, ISBN 3-7751-3787-4 Zu den Themen: Hoffnung und Lebensgestaltung 

Lass uns Liebe lernen Hc.; 112 S., Nr. 393.599, ISBN 3-7751-3599-5 Was hat erotische Liebe mit Gott zu tun? Die per-sönlichen Gedanken regen dazu an, die Erfahrun-gen und Möglichkeiten der partnerschaftlichen Liebe wie auch des Glaubens neu zu entdecken. 

Glaube, der erwachsen wird 

Hc., 112 S., Nr. 391.148, ISBN 3-7751-1148-4 

Wenn der Glaube erwachsen wird, sucht er nach einer neuen, reifen Ursprünglichkeit, die zum Le-ben befähigt und den kritischen Rückfragen stand-hält. 

Zur Wiederentdeckung der Hoffnung 

Grundlagen des Glaubens 

Hc.; 144 S., Nr. 393.898-6, ISBN 3-7751-3898-6 

Spannende theologische Entfaltungen des Evangeliums 

Zu den Themen: Hoffnung und Auferstehung, Frage nach Gott, Evangelium und Rechtfertigung 

Der aus Glauben Gerechte wird leben 

Beiträge zur Theologie des Neuen Testaments 

BVB 5, 288 S., 20,90 EUR, br., ISBN 3-8258-7036-7 

Wissenschaftlich-theologische Aufsätze zu Paulus und den Evangelien 

Bibel-Anstreichsystem 

Mit Verzeichnis biblischer Begriffe 

Gh., 32 S., Nr. 391.442, ISBN 3-7751-1442-4 

Eine ideale Hilfe fürs Bibellesen. Die wichtigsten Bibel-stellen zu 67 zentralen Begriffen und Themen. Mit An-regungen zu einer systematischen Kennzeichnung von Kernstellen durch Farben und Symbole. 

 

 

Nach Vorträgen auf dem „Christlich-Pädagogischen Symposium“ (CJD) zu dem Thema „Das christliche Menschenbild“, September 2002 in Schwäbisch Gmünd, und auf dem „Christlichen Pädagogentag“ zu dem Thema „Gott wird Mensch. Konsequenzen für das christliche Menschenhild einer christlichen Erziehung“, Juni 2005 in Walddorfhäslach; vgl. ThBeitr 34 (2003), 270-278

Gott wird Mensch
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